PSYCHOPHARMAKA
Ein RATGEBER
für Patienten und ANGEHÖRIGE
Herbert Pfeiffer
unter Mitarbeit von Wolfram Bender, Hans Dietl und Felix
Tretter
BKH Haar
Es ist für viele Patienten ein Schock, wenn sie vom
Psychiater gesagt bekommen, sie gehörten zu den Menschen mit einer
schweren seelischen Erkrankung. Dabei sind unter den fünf weltweit im
Leidensdruck und volkwirtschaftlich bedeutendsten Krankheiten vier
psychiatrische. Es macht noch mehr Angst, wenn dagegen die Einnahme einer
chemischen Substanz empfohlen wird verbunden mit einem stationären
Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik. Die Patienten möchten selbst mit
ihren Problemen fertig werden, empfinden Psychopharmaka als Eingriff in ihre
Persönlichkeit.
Andererseits haben Psychopharmaka in den vergangenen 50
Jahren die Psychiatrie menschlicher gemacht, die Lebensqualität der
Patienten entscheidend verbessert, die stationäre Aufenthaltsdauer
verkürzt und Rückfälle verhindert.
Der beste Weg zur Verbesserung der Selbstbestimmung ist
für den Patienten, möglichst viel über Psychopharmaka zu wissen,
um zusammen mit dem Arzt die optimale Behandlung zu finden.
Ein Psychopharmakon ist ein Medikament, das direkt im
Gehirn des Menschen wirkt und dadurch Wahrnehmung, Denken und Fühlen
beeinflusst. Die Psychopharmaka werden eingeteilt nach der seelischen Funktion,
die sie behandeln.
Neuroleptika / Antipsychotika wirken auf krankhafte
"psychotische" Störungen des Denkens und Wahrnehmens.
Antidepressiva bessern Traurigkeit, Angst, Grübeln und
fehlenden Antrieb bei allen Formen depressiver Störung.
Stimmungsstabilisierer sollen übermässige
Schwankungen der Stimmung ausgleichen und damit akut sowohl Depressionen
behandeln, als auch Manien, quasi das Gegenteil von Depressionen bei der
sogenannten Bipolaren Störung. Sie sollen im Weiteren Rückfälle
und Wiedererkrankungen verhindern.
Anxiolytika sollen beruhigen und Angst lösen vor allem
in akuten Krisensituationen, aber auch bei Angst- und Panikstörung.
Hypnotika sollen den Schlaf anstoßen oder
Durchschlafen ermöglichen
Die Wirkungsweise dieser Medikamente ist also nicht
einfach nur "dämpfend", sondern speziell auf bestimmte
psychische Bereiche ausgerichtet. Sie läuft über Empfangsstellen der
Nervenzellen, die in Teilen des Gehirns vorherrschen. Soweit bekannt, stellen
die Psychopharmaka ein gestörtes Gleichgewicht wieder her wie z.B.
bei Wachheit und Schlaf, Glücksgefühl und Traurigkeit. Bei Gesunden
sind sie ebenso wenig sinnvoll wie Insulin bei einem Nicht-Zuckerkranken. Sie
arbeiten mit oder gegen bestimmte Botenstoffe, "Körpereigene
Psychopharmaka", die eine chemische Voraussetzung von Gedanken und
Gefühlen sind. Dadurch können die Medikamente auch die
Psychotherapie unterstützen oder erst ermöglichen. Die
große Angst des Patienten bleibt, dass Psychopharmaka erheblich sein
Selbstgefühl verändern und unangenehme Nebenwirkungen haben. Daher
ist der Arzt in Auswahl und Dosierung auf möglichst genaue
Rückmeldung des Patienten angewiesen.
Der Botenstoff (Transmitter) Dopamin reguliert
wichtige Nervenleitsysteme im Gehirn. Er wirkt mit bei der Verarbeitung von
Sinneseindrücken, dem Abruf gespeicherter Erlebnisse und Gedanken, der
Regulation von Wachheit und Aktivität sowie der Motivation. Das
Dopaminsystem zeigt bei Psychosen im akuten Stadium eine Überfunktion.
Alle Neuroleptika blockieren die Schlüsselstellen
(Rezeptoren) von Dopamin und stoppen dadurch die Überfunktion. Im
weiteren Verlauf stellen sie das verloren gegangene Gleichgewicht wieder her.
Das dauert mindestens ein bis zwei Wochen bis einige Monate. Bei vorbeugender
Therapie muss diese Blockade über Jahre aufrechterhalten werden.
Neuroleptika bessern bei Psychosen vor allem die sogenannten
Positiv-Symptome wie Verfolgungswahn, Stimmenhören, traumhaftes
Verkennen der Situation, Beeinflussungsgefühle und verwirrtes Denken. Auch
die Manische Erregung spricht gut auf Neuroleptika an. Die sog.
Negativ-Symptome wie Lustlosigkeit, mangelnde Gefühle und Apathie
bleiben oft länger bestehen und müssen im Rahmen von Psychotherapie
und Sozialtraining behandelt werden.
Hochpotente klassische Neuroleptika blockieren die
Dopamin-Rezeptoren relativ stark. Als Nebenwirkung hemmen sie auch
Nervenleitsysteme, die nicht für die Psychose verantwortlich sind, sondern
die Beweglichkeit der Muskulatur steuern. Die sogenannten
Parkinsonsymptome (siehe Nebenwirkungen) sind die Folge.
Häufig verwendet werden die Präparate Haloperidol
(Haldol®), Flupentixol (Fluanxol®), Fluspirilen
(Imap®), Fluphenazin (Dapotum®, Lyogen®) und
Benperidol (Glianimon®). Bis auf Glianimon gibt es diese Mittel auch
als Depotspritzen , d.h. Injektionen in den Muskel, die ihren Wirkstoff
über Wochen langsam und gleichmäßig ins Blut abgeben.
Die Mittel- bis Niederpotenten Neuroleptika sind
nicht so stark antipsychotisch wirksam, bessern jedoch schneller Angst und
Unruhe. Sie können durch ihre besondere chemische Struktur mehrere Organe
in der Funktion beeinträchtigen, führen jedoch nur in seltenen
Fällen zu ernsten Zwischenfällen. Häufig verwendet werden die
Präparate Perazin (Taxilan®), Chlorprothixen
(Truxal®), Thioridazin (Melleril®), Zuclopenthixol
(Ciatyl-Z®), Promethazin (Atosil®) und Levomepromazin
(Neurocil®).
Atypische Neuroleptika werden so genannt, weil sie
gut antipsychotisch wirken, aber wenig Nebenwirkungen auf die Muskulatur haben.
Die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe ist schwer zu bestimmen, da die
chemische Struktur der Präparate und die allgemeinkörperlichen
Nebenwirkungen sehr unterschiedlich sind. Medikamente wie Risperidon
(Risperdal®), Olanzapin (Zyprexa®), Amisulprid
(Solian®), Quetiapin (Seroquel®), Ziprasidon
(Zeldox®), Aripiprazol (Abilify®) gehören dazu. Sie
sind alle recht gut verträglich, nur in wenigen Fällen zumindest
vorübergehend nicht ausreichend wirksam auf positive Symptome. Negative
Symptome beeinflussen sie besser als die klassischen (= hochpotenten,
typischen) Neuroleptika. Sie haben natürlich auch Nebenwirkungen auf z.B.
Herz-Kreislauf, Gewicht, Blutzucker und andere Laborwerte.
Clozapin (Leponex®) hat eine Sonderstellung, weil
es sehr gut antipsychotisch wirkt, auch bei schwer zu behandelnden Fällen,
und praktisch keine Nebenwirkungen auf die Muskelspannung hat. Bei besonders
schwerer Empfindlichkeit auf die Muskelnebenwirkungen der klassischen
Neuroleptika ist es deshalb ein Mittel der ersten Wahl. Bei therapieresistenten
Fällen kann es auch nach langer Therapiedauer eine gute Besserung erzielen
und auch die negativen Symptome noch beeinflussen.
Bei starken Ängsten, Wahnvorstellungen und
Halluzinationen muss mit einem Neuroleptikum behandelt werden. Der
Patient muss im Dialog mit dem Arzt nach Beratung und Abwägung der
Nebenwirkungen jeweils das geeignete Neuroleptikum auswählen. Dies
geschieht nach einem sogenannten Stufenplan, der für alle
Ärzte im Rahmen des Qualitätsmanagements erstellt und
hinterlegt wurde. Die Dosis sollte so niedrig wie möglich gewählt
werden. Bei Nebenwirkungen muss die Dosis weiter den Bedürfnissen des
Patienten angepasst werden oder ein Medikamentenwechsel erfolgen. Alle 1-2
Wochen wird durch eine genaue Untersuchung mit Prüfskalen (Rating-Skalen)
und Gesprächen geprüft, ob sich ein Wirkungseintritt absehen
lässt: Falls dies nicht der Fall ist, wird die Strategie gewechselt. Bis
zum weitgehenden oder völligen Abklingen der Symptome dauert es zumeist
mehrere Wochen, in manchen Fällen bis Monate.
Zur Besserung von Angst und Unruhe kombiniert man als
Überbrückung deshalb vorübergehend zusätzlich Tranquilizer,
niederpotente Neuroleptika oder Stimmungsstabilisierer dazu, die sogenannte
Co-Medikation. Bei im Vordergrund stehenden depressiven Symptomen werden
Antidepressiva zusätzlich angewandt. Umgekehrt werden Neuroleptika auch
bei schweren Depressionen zunehmend mit Erfolg behandelt.
Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient
und Bereitschaft zur Durchführung des Behandlungsplanes (= Compliance in
der Fachsprache) ist bei den Neuroleptika gerade wegen der Nebenwirkungen
wichtig. Während der Arzt eher auf die Einnahme der Medikamente
drängt, und von seinem Standpunkt aus den Patienten als unter der
Medikation gebessert erlebt, spürt der Patient im ungünstigen Fall
nur die Nebenwirkungen, hält sich für gesund und lehnt die Einnahme
ab. Dies hat oft zum Ergebnis eine Verzögerung der Therapie oder
Verschlechterung des Befindens. Bei allen genannten Nebenwirkungen kann jedoch
durch Dosisreduktion, Wechsel des Medikaments oder gegebenenfalls ein
Gegenmittel eine für den Patienten zufrieden stellende Lösung
gefunden werden. Die gemeinsame partizipierende Entscheidungsfindung
basiert dabei auch auf der guten Vorinformation des Patienten.
Durch immer mehr Untersuchungen wird deutlich, dass eine
frühzeitige medikamentöse Dauerbehandlung über Jahre das
Rückfallrisiko wesentlich erniedrigt und das Langzeitergebnis
verbessert. Sie kann in sehr niedrigen Dosen bestehen, die der Patient nicht
als Beeinträchtigung spürt. Paradoxerweise darf der Patient
Wohlbefinden nicht als Hinweis nehmen, dass er die Medikamente nicht mehr
braucht. Bei einem Absetzen kommt es in 80 %, meist schon innerhalb des
ersten Jahres zu einem Rückfall. Dieser wird aber oft nicht als direkte
Folge des Absetzens vom Patienten wahrgenommen, da der Rückfall
trügerischerweise nicht sofort nach dem Absetzen und der Ausscheidung des
Medikamentes aus dem Körper auftritt, sondern erst später, wenn die
schützende Wirkung an den Rezeptoren im Gehirn und in den
Nervenzellsystemen nach Monaten abgeklungen ist.
Auf lange Sicht kann statistisch die überwiegende
Mehrzahl der Patienten durch Neuroleptika über Jahre eine
Verminderung der Häufigkeit und Schwere der Rückfälle
erwarten. Auch das Ausmaß der Restsymptome, die Qualität der
sozialen Funktion und die Lebensqualität insgesamt sind dem Verlauf ohne
Rückfallschutz überlegen.
Es muss auf der anderen Seite eingestanden werden, dass
20 % der Patienten mittelfristig nur wenig oder gar nicht von
Neuroleptika profitieren.
Verabreichungsform ist entweder eine Tablette pro Tag oder
eine Depotspritze alle 1 bis 4 Wochen. Der Vorteil der Tablette ist das
bessere Gefühl der Selbstbestimmung des Patienten. Die Spritze verhindert
Unregelmäßigkeiten bei der Einnahme, wenn diese auch bei gutem
Arzt-Patient-Verhältnis nicht zu beseitigen sind. Die Dosis der
Dauermedikation kann sehr niedrig sein, ein Absetzen zwischen den Schüben
mit Krisenbehandlung hat sich nicht bewährt.
Konzentration und Arbeitsfähigkeit dürfen
bei guter Anpassung der Dosis nicht mehr unter den Medikamenten leiden,
Einschränkungen sind eher Folge der Erkrankung.
Die Fahrtauglichkeit muss im Einzelfall mit dem Arzt
besprochen werden, sie ist durch Einnahme von Psychopharmaka nicht
grundsätzlich ausgeschlossen, sie sind im Gegenteil eher die Voraussetzung
für einen stabilen Verlauf und die positive Beurteilung der
Fahrtauglichkeit. Näheres regelt die FeV (Fahrerlaubnisverordnung 1999 der
Bundesministerien für Verkehr, Inneres und Umwelt) und die
Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahrereignung des Gemeinsamen Beirats für
Verkehrsmedizin aus den Bundesministerien für Verkehr, Bau- und
Wohnungswesen und Gesundheit.
Zur medikamentösen Behandlung und Prophylaxe
müssen psychotherapeutische und rehabilitative Maßnahmen dazukommen.
Lebensqualität kann so auch verbessert werden, wenn durch
Restsymptome eine dauerhafte Behinderung entstanden ist.
Angehörigenberatung und Schulung des Patienten
Psychoedukation - im Hinblick auf die Erkrankung fördern die
Einsicht und das Verständnis in der Familie und beim Patienten selbst.
Die Forschung ist bemüht, weitere atypische
Neuroleptika zu finden, die ebenso wirksam oder besser sind als Leponex und
nicht dessen Nebenwirkungen haben. Unter anderem wird versucht, nicht nur den
Dopaminüberschuss der akuten Krankeitsphase, sondern auch Dopaminmangel in
anderen Bereichen des Gehirns im weiteren Verlauf zu behandeln und so Antrieb,
Motivation und Lebensfreude zu bessern.
Die bei vielen Patienten bleibende seelische Behinderung
durch die Negativ-Symptome ist die wichtigste Herausforderung in der
Schizophrenie-Forschung.
Da diese Mittel das Dopamin-System nicht nur in den
gewünschten Bereichen gezielt beeinflussen, können verschiedene
Nebenwirkungen auftreten, die bei den neueren atypischen Mitteln seltener sind.
"Verkrampfungen", "Steifigkeit und
"Zittern", vom Arzt als Frühdyskinesien und
Parkinsonsyndrom bezeichnet, sind die Nebenwirkungen auf die
Nervenbahnen zur Muskulatur. Durch Steifigkeit und Bewegungsarmut der Arme und
Beine fühlt sich der Patient wie eingezwängt. Sehr selten sind
Schluckstörungen, krampfhaftes Zusammenziehen der Gesichtsmuskeln und
Verdrehen der Augen. Diese Störungen können jedoch durch ein
Gegenmittel Biperiden (Akineton®), notfalls intravenös und
schnell gegeben, beseitigt werden.
Sitzunruhe oder Akathisie kann oft vom Arzt
nicht bemerkt, vom Patienten aber als innere Unruhe quälend empfunden
werden. Sie muss, wenn irgend möglich, zur Dosisreduktion oder zum
Medikamentenwechsel führen.
Depressionen, hervorgerufen durch Medikamente wurden
früher häufiger angeführt, dürften jedoch meist
krankheitsbedingt oder Folge einer Überdosierung bzw
Unverträglichkeit sein.
Spätdyskinesien können bei längerer
Einnahme über 3 Monate auftreten. Bei diesen langsamen
unwillkürlichen Bewegungen sollte nach Absprache mit dem Arzt die
Medikation geändert werden, damit keine Dauerschäden entstehen. Die
Häufigkeit der schweren Fälle von Spätdyskinesien wird mit 5 -
20 % angegeben. Zumindest 50 % der deutlichen Bewegungsstörungen bessern
sich langfristig nach Änderung der Medikation.
Zyklusstörungen der Frau kommen ebenso wie Milchfluss
vor allem bei hochpotenten Mitteln vor sie sind nach Dosisreduktion oder
Wechsel des Medikaments wieder rückläufig.
In den 70iger Jahren kam es unter Clozapin (Leponex®)
bei Patienten zu einem Abfall der weißen
Blutkörperchen mit Störung der Infektabwehr und
Todesfällen. Seither darf das Medikament nur unter besonderen Kontrollen
gegeben werden. Der Patient oder der Pfleger müssen ausdrücklich
aufgeklärt werden und schriftlich der Behandlung zustimmen. Durch
wöchentliche Blutbildkontrollen in den ersten Wochen der Therapie ist das
Risiko für den Patienten jedoch zumutbar, da früh genug abgesetzt
werden kann. Leponex ist bis auf vorübergehende Müdigkeit und
gelegentlich lästigen Speichelfluss angenehm für den Patienten und
auch heute noch oft die einzige Alternative, wenn er hochpotente Mittel nicht
verträgt und die atypischen Antipsychotika nicht ausreichend wirken.
Bezüglich weiterer Nebenwirkungen verhält es sich wie die
Mittelpotenten Neuroleptika.
Folgende Tabelle soll schon bei der ersten Auswahl das beste
Mittel für den Patienten finden helfen. Die Stärke der
Dopaminblockade gibt Hinweise auf die Stärke der Wirkung gegen Psychose,
bedeutet aber ein - wenn auch geringeres Risiko -, dass Bewegungsstörungen
wie bei den hochpotenten typischen Mitteln auftreten.
|
Risperidon
Risperdal ®
|
Relative starke
Dopaminblockade,
|
Geringe
Gewichtszunahme
|
| Olanzapin
Zyprexa ®
|
Mäßig
starke Dopaminblockade
|
Oft deutliche
Gewichtszunahme.
Vorsicht bei Diabetes
|
|
Amisulprid
Solian ®
|
Mäßig
bis starke Dopaminblockade
|
Keine
Gewichtszunahme
Bei Frauen Milchfluss (Hormon Prolactin)
|
| Quetiapin
Seroquel ®
|
Relative geringe
Dopaminblockade
|
Gewichtszunahme möglich
Vorsicht bei Herzrhythmusstörungen
|
|
Ziprasidon
Zeldox ®
|
Mäßige Dopaminblockade
|
Keine
Gewichtszunahme
Bei Vorschädigung Gefahr von Herzrhythmusstörungen
|
|
Aripiprazol
Abilify ®
|
Hemmt und
stimuliert Dopaminrezeptoren gleichzeitig, Konzept des Dopaminstabilisators,
soll dadurch Negativsymptome verbessern
|
Leichte
Müdigkeit, wenig Gewichtszunahme
|
Siehe oben allgemein und unter Nebenwirkungen und
Kontrolluntersuchungen im Kapitel: Antidepressiva.
Wenn eine Nervenzelle einer anderen ein Signal
übermittelt, dann geschieht das mit Überträgerstoffen, den
sogenannten Transmittern. Dabei werden über einen mikroskopisch kleinen
Spalt zwischen den Zellen Stoffe hinübergeschleust, eine Art flüssige
Elektrizität. Die beiden wichtigsten Transmitter im Fall der
Antidepressiva sind Noradrenalin und Serotonin. Diese treffen auf
Briefkästen - Rezeptoren - an der äußeren Wand der Zelle. Bei
Eintreffen einer Nachricht werden im Inneren der Zelle Lawinen von Befehlen
ausgelöst. Sie bewirken weitere Nachrichten an andere Zellen, aber auch
Umbaumaßnahmen in der Zelle wie Auf- oder Abbau von Rezeptoren, von
Transmittern und auch Wachstum von Verbindungen zu anderen Zellen, sogenannte
neurotrophe Vorgänge.
Eingriffsmöglichkeiten sind die Hemmung des Abbaus von
Transmittern in der Zelle oder die Hemmung seiner Wiederaufnahme in die Zelle,
wodurch er sich jeweils im Synapsenspalt vor den Briefkästen anreichert.
Um im Bild zu bleiben: Wenn jemand eine Depression
hat, dann stimmt in bestimmten Nachrichtensystemen die Briefzustellung nicht
mehr. Die Briefkästen sind zu wenig, zu viele, verklebt, werden nicht
entleert, man weiß es nicht genau. Beim Gesunden ist die Stimmung
schwingungsfähig, passt sich allen Ereignissen an und pendelt von Extremen
wieder zurück. In der Depression ist sie erstarrt und verhärtet. Das
kommt von einer bestimmten Veranlagung, aber auch durch Belastungen im Lauf des
Lebens. Antidepressiva wirken dadurch, dass sie eine Flut von Briefen
auslösen, einen Ausstoß von Transmitterstoffen. Dadurch werden die
unsensiblen Briefkästen wiederbelebt, neu eingestellt und empfangen wieder
Nachrichten. Diese Umbaumaßnahmen dauern manchmal viele Wochen. Auch
andere Maßnahmen wie Schlafentzug, Elektrokrampf bewirken das Gleiche.
Die Einregulation des gestörten Gleichgewichts dauert länger als bei
den Neuroleptika, d.h. oft mehr als 3 Wochen.
Über diese chemischen Wege wirken auch die
täglichen positiven und negativen Erlebnisse abhängig vom Geschick,
wie man damit umgeht. Analog dazu hilft Psychotherapie, Fehler beim
Umgang mit belastenden Erlebnissen aufzudecken und zu verbessern.
Die "Selektive Serotonin Rückaufnahme Hemmer"
erhöhen das Serotoninangebot im synaptischen Spalt und stimulieren die
Serotoninrezeptoren der nächsten Zellen, regulieren langfristig ihre
Empfindlichkeit dadurch herab. Insgesamt fördern die SSRIs jedoch die
korrekte Übertragung durch Serotonin. Leider stimulieren sie auch
Unterformen des Serotoninrezeptors, die für die Therapie nicht nötig
sind, aber vorübergehend Nebenwirkungen hervorrufen wie Unruhe, Schwindel,
Übelkeit, Kopfschmerzen. Die SSRIs sind günstig bei Herz- und
Kreislaufproblemen. Leider treten öfter sexuelle Funktionsstörungen
auf, die ursächlich schwer von der depressiven Problematik zu
unterscheiden sind, ggf ist ein Präparatewechsel nötig. Generika
(Wirkstoffe) und entsprechende Präparatenamen sind
Escitalopram/Cipralex®, Sertralin/Zoloft®,
Paroxetin/Seroxat®, Fluoxetin/Fluctin® und
Fluvoxamin/Fevarin®.
Als Noradrenalin und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer gibt es
bislang nur Venlafaxin (Trevilor ®), Duloxetin wird folgen. Sie
erhöhen das Angebot von Serotonin und Noradrenalin, dies wird als duales
Wirkprinzip bezeichnet. Wahrscheinlich wirksamer als SSRIs. Nebenwirkungen sind
wie bei SSRIs, selten trockener Mund, Gewichtszunahme, Blutdruckerhöhung,
sehr selten Harnverhalt und Verstopfung.
Die Tri-und Tetra-Zyclischen Antidepressiva, abgekürzt
TZAs, erhöhen Serotonin und Noradrenalin zu verschiedenen Anteilen durch
Hemmung der Wiederaufnahme. Sie sind seit 1957 bekannt, gut erprobt, gut
wirksam. Als Nebenwirkung machen sie ruhig und müde, aber auch unangenehme
Symptome wie trockenen Mund, Verstopfung und verschwommenes Sehen.
Wirkstoff und Präparatenamen sind Amitriptylin
(Saroten®), Imipramin (Tofranil®), Clomipramin
(Anafranil®), Doxepin (Aponal®), Trimipramin
(Stangyl®), Maprotilin (Ludiomil®). Sie unterscheiden
sich auch beim individuellen Patienten etwas im Wirkprofil auf die Transmitter
und der Nebenwirkungen wie Sedierung oder z.B. Mundtrockenheit.
Die Mono-Aminoxidase-Hemmer blockieren ein Enzym, das
Serotonin, Noradrenalin und Dopamin abbaut, und zwar auch mehrere Wochen nach
Absetzen, bis das Enzym wieder nachgebaut wird. Sie sind gegen Depressionen
sehr gut wirksam und unverzichtbar im Therapieplan. Der Patient muss jedoch
eine sogenannte MAO-Diät einhalten, da sonst schwere und gefährliche
Blutdruckkrisen auftreten können. Der Genuss von Käse und bestimmten
Milchprodukten, Bier und Rotwein, aber auch Hefe, Fleischextrakte, Salami und
anderen Nahrungsmitteln ist gefährlich, da sie alle den Stoff Tyramin
enthalten, der im Körper zu einer blutdruckaktiven Substanz umgebaut wird
und dann Blutdruckkrisen und Kreislaufprobleme hervorrufen kann. Der Patient
muss über diese Diät und die Möglichkeit einer Blutdruckkrise
genau aufgeklärt werden. Ansonsten sind die MAO-Hemmer gut
verträglich, senken paradoxerweise im Normalfall eher den Blutdruck und
bessern einen vorhandenen Diabetes. Die häufigste Nebenwirkung ist
Blutdruckerniedrigung und Schwindel, gelegentlich Durchfall und Frösteln,
selten Kopfweh außerhalb von Blutdruckkrisen. Der Präparatename des
einzigen in Deutschland verfügbaren MAO-Hemmer Tranylcypromin ist
Jatrosom N®.
Die Reversiblen Hemmer der Mono-Aminoxidase sind der kleiner
Bruder der MAO-Hemmer. Sie blockieren nur einen Typ des Enzyms, die Wirkung
vergeht nach wenigen Tagen, die Blockade ist auch nie komplett. Es braucht
keine Diät, sie sind günstig bei Herz- und Kreislaufproblemen, sie
wirken aber leider bei weitem nicht so stark wie die MAOH. In Deutschland gibt
es nur das Generikum Moclobemid als Präparat Aurorix® oder
Moclix ®.
Komplizierter dualer Wirkmechanismus, wirkt also auf
Serotonin und Noradrenalin. Präparatename ist Remergil®. Hat
durch Blockade eines bestimmten Serotoninrezeptors (5-HT2) einige Vorteile: Es
macht etwas müde, fördert daher gut den Schlaf, beruhigt schnell,
macht keine Übelkeit und wenig sexuelle Funktionsstörungen. Probleme
sind öfter Gewichtszunahme, selten Störungen des Blutbilds.
Fördert selektiv nur das Noradrenalin. Macht nicht
müde, keine Übelkeit, wenig sexuelle Funktionsstörung,
Wirksamkeit wahrscheinlichl geringer als die SSRIs. Als Präparat
Edronax ®
In America altbewährtes Antidepressivum. Fördert
wahrscheinlich neben Serotonin und vor allem Noradrenalin auch Dopamin. In
Deutschland durch die Wirkung auf Motivation deshalb vorläufig als
Raucher-Entwöhnungsmittel zugelassen (Zyban ®). Kaum
Nebenwirkungen, evtl Veränderung der Krampfschwelle in hohen Dosen.
Eher schwach wirksame selten verschriebene Präparate, aber sehr gut
verträglich mit verschiedenen Wirkmechanismen. Beide günstig bei
Herz- und Kreislaufproblemen mit beruhigender Komponente. Tolvin ist dem
Remergil verwandt. Der Nachfolger des Thombrans war Nefazodon
(Nefadar®), musste aber wegen Fällen von schwerer
Leberschädigung in Deutschland vom Markt genommen werden.
Sogenanntes natürliches Mittel aus der Pflanze Johanniskraut. Genaue
Wirksubtanz ist nicht bestimmbar, da Mischextrakt. Nur hohe Dosen
möglicherweise wirksam, dennoch das meistverkaufte Antidepressivum in
Deutschland. Hat durchaus Nebenwirkungen und Wechselwirkungen. Bei
Therapieversagen sollte der Stufenplan weiter beschritten werden.
In therapieresistenten Fällen bleibt als weitere
Therapiemöglichkeit die Elektrokrampftherapie, die wirkungsvollste
Therapiemethode gegen Depressionen. Mit moderner Methodik unter Vollnarkose
sind nach vorliegenden Untersuchungen keine Schäden zu befürchten,
der EKT hat sogar eine das Nervenwachstum fördernde Wirkung. Nach 6 bis 12
Behandlungen über 2 bis 4 Wochen ist in der Hälfte der Fälle bei
vorher schwer therapieresistenten Fällen eine völlige Symptomfreiheit
möglich.
Bei der hochfrequenten transkranielle Magnetstimulation
(rTMS) stimuliert man Nervenzentren mit Magnetfeldern mit meist
über 10 Hz und 1000 Impulsen in 20 bis 30 Minuten, ca 15 bis 20 Mal
über 3-4 Wochen. Die nötige Stärke der Stimulation wird
individuell ermittelt. Nebenwirkungen sind leicht unangenehme Irritationen der
Haut- und Kopfmuskelnerven sowie Kopfschmerzen, in sehr seltenen Fällen
wurden epileptische Anfälle ausgelöst. Das Verfahren ist noch in der
Erprobung, sicher in manchen Fällen wirksam.
Bei der Vagusnervstimulation wird ein Schrittmacher
am Vagusnerv eingepflanzt. Das aus der Epilepsiebehandlung kommende Verfahren
ist noch in der Erprobung an Universitätskliniken.
Schlafentzugstherapie z.B. 2 mal/Woche, ein
"altes Hausmittel", kann die Heilung beschleunigen, wobei der Patient
4 Stunden schläft und dann ab 2 Uhr nachts wach bleibt bis zum
nächsten Abend.
Lichttherapie kann hilfreich sein in der Behandlung
von sogenannten Winterdepressionen (= saisonal abhängige Depressionen).
Hochdosistherapie mit Schilddrüsenhormonen
Über normale Blutspiegel hinaus gegebenes
Schilddrüsenhormon bessert in vielen Fällen behandlungsresistente
Depressionen. Nebenwirkungen gleichen einer künstlichen
Schilddrüsenüberfunktion. Sollte nur in spezialisierten Zentren
verwendet werden.
Amphetamine, Modafinil
Stimulierende Substanzen, dem Betäubungsmittelgesetz
unterliegend, in resistenten Fällen oft Besserung bleibender
Antriebsschwächen und Empfindungsstörung.
Nahrungsergänzungsmittel
wie Omega-3-Fettsäuren, Folsäure, SAMe u.a.
können rezeptfrei gekauft werden, ihre Wirkung ist aber nicht gesichert,
siehe Kapitel Nahrungsergänzungsmittel.
Die Behandlung geschieht nach einem festgelegten Stufenplan.
Die Auswahl erfolgt je nach zu erwartenden Nebenwirkungen, Vorbehandlung und
speziellen Symptomen wie Unruhe, Angst oder Schlaflosigkeit. Da das Einsetzen
der antidepressive Wirkung 2-3 Wochen dauert, werden zur Beruhigung und
Angstlösung Tranquilizer in Kombination verwendet. Bei schweren
depressiven Zuständen mit wahnhafter Verkennung oder starker Unruhe und
grüblerischer gedanklicher Einengung auf unangenehme Inhalte sind
Neuroleptika in Kombination sehr wirkungsvoll. Bei aus der Vorgeschichte
bekannten Manien, also Bipolarer Störung, muss gleichzeitig ein
Stimmungsstabilisierer gegeben werden, da sonst das Auslösen einer Manie
zu befürchten ist. Alle 2-3 Wochen wird durch eine genaue Untersuchung mit
Prüfskalen (Rating-Skalen) und Gespräch geprüft, ob sich ein
Wirkungseintritt absehen lässt. Falls dies nicht der Fall ist, wird die
Strategie gewechselt. Die vollständige Remission/Heilung der Symptome
dauert mindestens 6-8 Wochen.
Wenn dies nicht auf Anhieb gelingt, müssen Patient und
Arzt viel Geduld und Zähigkeit aufbringen, da schnelle unüberlegte
Medikamentenwechsel keinen Erfolg versprechen und zu unnötiger früher
Resignation führen.
Oft muss wie bei den Psychosen eine lange
Genesungszeit in Kauf genommen werden. Riskante Therapien müssen
ebenso wie drohende Selbstmordgefahr des Patienten abgewogen werden. Nie sollte
vergessen werden, dass allein der natürliche Verlauf die Erkrankung
sogar nach Jahren spontan völlig beenden kann.
Viele Krankheitsbilder wie Angst, Panik, Phobie, Störungen mit abnormer
Körperempfindung, chronische Schmerzen, Traumafolgen, chronische
Müdigkeit oder Zwang kommen gehäuft zusammen mit Depressionen vor und
reagieren günstig auf Behandlung mit Antidepressiva.
Sowohl rein depressive Erkrankungen als auch
manisch-depressiv verlaufende Erkrankungen können, über Jahrzehnte
beobachtet, immer wieder auftreten. Unipolare Patienten (nur depressive
Phasen) haben durchschnittlich alle 5 Jahre eine Phase, bipolare Patienten
(manische und depressive Phasen) alle 3 Jahre. Insgesamt werden über 50%
der Unipolaren und 90-100% der Bipolaren mindestens einmal
rückfällig.
Eine Vorbeugende Behandlung der unipolaren Patienten
geschieht durch Fortführung der selben Strategien wie in der Akutphase
("Was dich gesund macht, hält dich gesund"). Nach der ersten
Episode sollte der Patient 6-12 Monate das Antidepressivum einnehmen. Wenn
Risikofaktoren vorliegen wie genetische Belastung, Schwere der Erkrankung oder
mangelnde Besserung, sollte nach der zweiten Episode eine Dauertherapie
über viele Jahre durchgeführt werden, spätestens nach der
dritten Episode. Die vorbeugende Behandlung der Bipolaren Depression siehe
unter Kapitel Stimmungsstabilisierer.
In der nächsten "Generation" werden vor allem
Medikamente auf den Markt kommen, die über eine Beeinflussung der
Stressachse eine Besserung der depressiven Symptome bzw der zugrunde liegenden
Anfälligkeit versuchen. Eine Verbesserung der apparativen Methoden wie EKT
und rTMS kann diese leichter zugänglich und effektiver machen.
Es sind keine ernsten Nebenwirkungen in Laborbefunden zu
erwarten, am ehesten müssen die Elektrolyte (SSRIs) und das Blutbild
(Mirtazapin) untersucht werden. Veränderungen von EKG (Herzstromkurve)
oder EEG (Hirnstromkurve) sind nicht zu befürchten.
Bei diesen älteren, nicht selektiven, aber sehr
wirksamen Mitteln können einige lästige aber auch möglicherweise
gefährliche Nebenwirkungen in Laborbefunden, der Haut und inneren Organen,
im EKG sowie selten EEG auftreten.
Allergien führen zu juckenden Hautausschlägen, das
Medikament muss meistens abgesetzt werden. Sonnenlicht kann hierbei
auslösend wirken.
Wegen möglicher Augeninnendrucksteigerung muss
bei Patienten mit grünem Star der Augendruck vorher behandelt werden.
Der Blutdruck kann absinken und zu Schwindel
führen.
Absinken der weißen Blutkörperchen kann
frühzeitig im Blutbild erkannt werden und so durch Absetzen des
Medikaments gestoppt werden.
EEG
Bei zu hohem Medikamentenspiegel oder zu schneller Anflutung
des Medikaments im Blut sind epileptische Anfälle zu befürchten. Die
Überprüfung der Gehirnstromkurve auf Zeichen der Krampfbereitschaft
ist deshalb ratsam.
Gewichtszunahme durch erhöhten Appetit und mangelnde
Bewegung ist oft ein Grund für den Patienten, die Therapie abzulehnen.
Harnverhaltung z.B. bei Prostatakranken kann durch ein
Gegenmittel ( z.B. Doryl® ) meist nur vorübergehend behoben
werden, führt in der Regel zum Absetzen.
EKG
Wegen der Gefahr von Herzrhythmusstörungen mit zu
schnellem, oder auch zu langsamem Puls ist eine EKG-Kontrolle je nach Alter und
Vorerkrankungen besonders vor Behandlung unerläßlich.
Stauungen der Lebergänge mit Erhöhung der
Leberenzyme (=Leberwerte) müssen durch Laborkontrollen
überwacht werden.
Sehunschärfe beruht auf einer Störung der
Anpassung der Linsenkrümmung. Sie tritt dosisabhängig auf.
Sexuelle Empfindungsstörungen oder Impotenz werden im
Gespräch dem Arzt gegenüber zu wenig erwähnt. Umstellung der
Medikamente und ausführliche Gespräche sollten möglich sein.
Siehe auch Kapitel Medikamente zur Behandlung sexueller Störungen.
Verringerte Speichelbildung mit trockenem Mund ist
sehr lästig, manchmal durch Dosisreduktion oder Präparatewechsel
innerhalb der selben Gruppe der Tri- und Tetrazyklika zu beheben.
Venenthrombosen sind in seltenen Fällen beschrieben.
Verwirrtheit (=Delir) kann, ähnlich wie Anfälle,
bei sehr hoher Dosierung auftreten, wenn das Gehirn vorgeschädigt ist,
oder zusätzliche körperliche Krankheiten bestehen. Es klingt in
wenigen Tagen nach Absetzen ab.
Nierenwerte
Die Nierenwerte Harnstoff und Kreatinin geben Auskunft
über die Funktionsfähigkeit dieses Organs. Die Niere hat
entscheidende Bedeutung für die Konzentration des Medikaments im Blut und
muss daher vor Beginn der Therapie kontrolliert werden.
Schwangerschaftstest
Obwohl weder die Antidepressiva noch die Neuroleptika
nachgewiesen fruchtschädigend sind, sollte vor einer Behandlung immer eine
Schwangerschaft ausgeschlossen werden. Im Einzelfall ist eine individuelle
Beratung unter Hinzuziehung von Spezialisten mit aktuellen Daten nötig.
Dieser Gruppenname, der sehr unterschiedliche Mittel
zusammenfasst, ist erst jüngeren Datums. Die Medikamente sollen Manien
ebenso wie Depressionen akut bessern, aber auch Rückfälle und
Wiedererkrankungen als Prophylaxe im Laufe der Jahre verhindern. Dazu
gehören vor allem Lithium und einige Mittel aus der Gruppe der
Antiepileptika wie Valproat, Carbamazepin und Lamotrigin. Zuletzt hat auch das
Neuroleptikum Zyprexa ® (Wirkstoff Olanzapin) die Zulassung
dafür erhalten, andere werden folgen.
Bipolare Patienten (manische und depressive Phasen) haben im
Durchschnitt alle 3 Jahre eine Phase. Insgesamt werden 90-100% der Bipolaren
mindestens einmal rückfällig, nur ein Viertel der Patienten bleibt
länger als 5 Jahre ohne Rückfall.
Stimmungsstabilisierer wie Lithium verhindern das
Auftreten manischer und depressiver Phasen oder schwächen diese zumindest
wesentlich ab. Unipolare Erkrankungen (nur depressive Episoden, siehe
oben) können mit Lithium ggf mit einem Antidepressivum in Kombination
behandelt werden. Klassische Manien mit euphorischer Stimmung sprechen
ebenfalls gut auf Lithium an (Bipolar I Störung). Sogenannte
schizoaffektive Erkrankungen und gereizte Manien oder
Mischzustände (Gesteigerter Antrieb bei depressiver Stimmung) sprechen
besser auf Valproat, Carbamazepin und Neuroleptika an. Lamotrigin hat sich vor
allem bei schweren Depressionen mit leichteren Manien im Verlauf bewährt
(Bipolar II Störung)
Die Zuverlässigkeit der Einnahme ist jedoch bei vielen
Patienten nicht ausreichend, so dass die möglichen Erfolge eines
Stimmungsstabilisierers verhindert werden. Hier muss durch Arzt und
Angehörige viel Motivationsarbeit geleistet werden.
| LITHIUM
Hypnorex ®
Quilonum ®
|
Klassische euphorische Manie = Bipolar I Störung
Wiederkehrende Depression
|
| VALPROAT
Orfiril ®
Convulex ®
Ergenyl ®
|
Psychotische Manie, Gereiztheit = Bipolar I Störung
oder Schizoaffektive Störung, Häufige Episoden
(Rapid Cycling)
Wenig akute antidepressive Wirkung
|
| CARBAMAZEPIN
Tegretal ®
Timonil ®
OXCARBAZEPIN
Trileptal ®
|
Psychotische Manie, Gereiztheit = Bipolar I Störung
oder Schizoaffektive Störung
Wenig akute antidepressive Wirkung
Ähnlich Carbamazepin, weniger Nebenwirkungen, aber
weniger klinische Erfahrung
|
| LAMOTRIGIN
Lamictal ®
Elmendos ®
|
Schwere Depressionen mit leichten Manien = Bipolar II
Störung
Gute antidepressive prophylaktische Wirkung.
|
| OLANZAPIN
Zyprexa ®
|
Klassische euphorische oder psychotische, gereizte Manie =
Bipolar I Störung
|
Die Zahl der Patienten, die nur einmal im Leben eine Manie
durchmachen und danach weder Depressionen noch weitere Manien erleiden, liegt
wahrscheinlich unter 10 %. Die Frage ist eher, wieviel Zeit bis zum ersten
Rückfall vergeht. Nach der ersten Episode kann deshalb nach 6-12
Monaten Erhaltungstherapie mit der erfolgreichen Medikation ein Absetzversuch
mit Ausschleichen der Medikation über mehrere Wochen gemacht werden.
Danach Entscheidung über Fortführung der Prophylaxe unter
Berücksichtigung der Risikofaktoren wie genetischer Belastung, Schwere der
Erkrankung. Vor allem müssen die aktuellen Folgen für Partnerschaft,
Beruf und soziale Situation berücksichtigt werden, wenn der schlimmste
Fall eines sofortigen Rückfalls eintreten sollte. Nach 2 Episoden in engem
Abstand, spätestens nach 3 Episoden, sollte eine Dauerbehandlung
über unbegrenzte Zeit eingeleitet werden.
Wenn möglich, sollte die Prophylaxe bipolarer
Störungen mit nur einem Mittel durchgeführt werden, das die ganze
Palette der stimmungsstabilisierenden Eigenschaften hat. Die Erfahrung zeigt
jedoch, dass zumindest vorübergehend bei vielen Patienten Kombinationen
von einem Stimmungsstabilisierer mit einem Zweiten oder mit Neuroleptika oder
Antidepressiva erfolgen muss je nach aktuellem Verlauf der Krankheit und dem
depressiven oder manischen vorherrschenden Pol der Stimmung.
Die Planung einer Schwangerschaft sollte wenn irgend
möglich vorher mit dem Arzt besprochen werden, da vor allem Valproat und
Carbamazepin in den ersten drei Monaten der Entwicklung fruchtschädigend
sein können, am sichersten ist noch Lithium, noch zu wenig Erkenntnisse
gibt es mit Lamotrigin.
Lithium wird als Salz eingenommen, kommt sonst im
Körper nur in Spuren vor. Seine Wirkungsweise entfaltet sich
wahrscheinlich jenseits der Überträgerstellen im Inneren der Zelle.
Mit 2 bis 4 Tabletten, je nach Präparat, morgens und
abends verteilt eingenommen, wird der nötige Blutspiegel von ca 0,6 -
0,8 mVal/l erreicht. Bevorzugt wird die Retardform von z.B. Quilonum ®
oder Hypnorex ®, damit der Blutspiegel gleichmäßiger über
die Zeit verläuft. Die im ersten Monat wöchentliche Kontrolle
genau 12 Stunden nach der letzten Einnahme ist wegen der
Gefahren eines zu hohen Spiegels sehr wichtig. Abruptes Absetzen
führt in hohem Prozentsatz zu Wiederauftreten der Erkrankung.
Blutbildveränderungen sind im Sinne einer fast
immer harmlosen Steigerung der Zahl der weißen Blutkörperchen
möglich.
Gewichtszunahme und Wassereinlagerung sind
ursächlich nicht geklärt, oft Diätprobleme. Fastenkuren sollten
mit dem Arzt abgesprochen werden.
Hauterscheinungen wie Akne und Psoriasis sind selten,
zwingen jedoch eventuell zum Abbruch der Therapie.
Herzrhythmusstörungen müssen im EKG
überwacht werden, vorbestehende Herzschäden zwingen zur Vorsicht.
Mißbildungen des Kindes bei Lithiumeinnahme
während der Schwangerschaft sind möglicherweise häufiger als es
dem normalen Risiko entspricht. Ab dem vierten Monat besteht keine Gefahr mehr.
Vor Lithiumgabe sollte das Thema der Schwangerschaftsverhütung genau
besprochen werden.
Vor Operationen muss Lithium kurzfristig abgesetzt
werden. Der Anästhesist muss über die Einnahme informiert sein.
Psychische Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Verlust von
Vitalität können Ausdruck des Abklingens einer leicht manischen
Stimmung sein, die Patient und Angehöriger als belebend empfanden. Es kann
sich auch eine depressive Phase ankündigen. Evtl. muss aber auch wegen
relativer Überdosierung Lithium oder die Begleitmedikation erniedrigt
werden.
Schilddrüsenunterfunktion und mögliche
Kropfbildung sind die Folge einer hemmenden Wirkung von Lithium auf die
Hormonproduktion. Deshalb muss das Hormon TSH, das die Schilddrüse von der
Hypophyse im Gehirn aus kontrolliert, bestimmt und überwacht werden. Dann
kann schon frühzeitig eine Kropfentwicklung durch Gabe von
Schilddrüsenhormon verhindert werden.
Übelkeit und Durchfälle sind eher
Zeichen einer Überdosierung. Durchfälle können aber ihrerseits
ein zu starkes Absinken des Lithiumspiegels mit Wiederauftreten der psychischen
Krankheit bewirken.
Niere: Wasserlassen, mehr und öfter als normal, ist
eine direkte dosisabhängige Wirkung des Lithium und nicht Ursache von
vermehrtem Trinken. Es muss immer ausreichend getrunken werden, da sonst ein
Anstieg des Blutspiegels droht. Leichte dauernde Nierenschäden mit
Erhöhung des Creatinin in ca 20% der Patienten nach jahrzehntelanger
Einnahme werden diskutiert.
Zittern und Muskelschwäche können
durch einschleichende und möglichst niedrige Dosierung vermieden werden.
Bei Kleinhirn- und Muskelkrankheiten ist eine Behandlung genau abzuwägen.
Lithium ist bei guter Einstellung der Dosis ein sehr gut
verträgliches Medikament. Der größte Nachteil liegt in der
geringen Spanne zur Überdosierung. Über der therapeutischen
Obergrenze von 1,2 mVal/l steigt die Gefahr von starken Nebenwirkungen, ab 1,6
mVal/l beginnt die Lithiumintoxikation.
Symptome sind für den Patienten:
Starker Durst, grobes Zittern, Muskelzucken, Müdigkeit,
Gangunsicherheit, Erbrechen, Durchfall.
Der Angehörige bemerkt Verlangsamung,
verwaschene Sprache, sogar Verwirrtheit oder Krampfanfälle.
Ursache kann fehlerhafte Einnahme sein, auch in
selbstschädigender Absicht. Meist sind jedoch andere Einflüsse auf
den Wasserhaushalt wie starkes Schwitzen, zu wenig Trinken,
Abmagerungsdiät oder Nierenerkrankungen schuld. Auch Kombinationen mit
anderen Medikamenten sollten streng mit dem behandelnden Arzt abgesprochen
werden. Zu vermeiden sind vor allem "Wassertabletten" (Diuretika)
z.B. gegen Bluthochdruck und Bestimmte entzündungshemmende Mittel,
sogenannte Coxibe.
Die Behandlung der akuten Lithium-Überdosierung
muss wegen der Gefahr für Herz, Niere und Nervensystem intensivmedizinisch
durch Dialyse erfolgen.
Diese Mittel sind schon seit langem zugelassen zur Therapie
von epileptischen Anfällen. Seit den 80iger Jahren wurde die Wirkung von
Antiepileptika auf Manie und Depression sowohl in der Akuttherapie als auch in
der Vorbeugung erkannt und erforscht. Der Wirkmechanismus läuft über
Nachrichtenkanäle ("Ionenkanäle") und Botenstoffe
("Transmitter") sowie Nachrichtenweitergabe im Inneren der Zelle
("Second messenger"). Letztlich scheinen diese Stimmungsstabilisierer
die Aktivität der Nervenzellen, die die Stimmung regulieren, zu
stabilisieren und übermässige Auschläge nach Oben und Unten zu
verringern, ohne die normalen Empfindungen zu beeinträchtigen.
Carbamazepin, als Tegretal® und
Timonil®bzw Oxcarbazepin als Timox® und
Tripleptal® verschrieben, sind chemisch verwandt mit den
Antidepressiva. Oxcarbazepin hat weniger Nebenwirkungen wie Sedierung,
Allergie, Leberschädigung und Knochenmarkhemmung. Es wird als Ersatz von
Carbamazepin genommen, obwohl es wenig Studien zu seiner Wirkung bei bipolarer
Störung gibt.
Anwendungsgebiete
Die Akutbehandlung manischer Erregung ist
unabhängig von der Diagnose einer Manie, Schizoaffektiven Psychose oder
sogar Schizophrenie möglich.
Die vorbeugende Behandlung bei manisch-depressiven
und schizoaffektiven Erkrankungen ist eine Alternative bei
Unverträglichkeit oder mangelnder Wirksamkeit von Lithium. Carbamazepin
kann vorsichtig (siehe unten) in Kombination mit Lithium angewandt werden.
Die Akuttherapie der Depression ist nur teilweise
belegt.
Bei der Entgiftung von Alkohol-, Tranquilizer- oder
Barbituratabhängigen wird Carbamazepin vor allem zum Anfallschutz
eingesetzt.
In der Neurologie werden auch Schmerzerkrankungen wie
Trigeminusneuralgie erfolgreich mit Carbamazepin gebessert.
Die Anfallsvorbeugung der sogenannten Partiellen
epileptischen Anfälle ist das Hauptanwendungsgebiet des Carbamazepin.
Dosierung
In der Akuttherapie wird Carbamazepin mit 600 bis 800
Milligramm und mehr pro Tag gegeben. Um Nebenwirkungen wie Übelkeit und
Schwindel zu vermeiden, wird die Dosis langsam gesteigert. Die sonst
notwendigen Neuroleptika können in niedrigeren Dosen gegeben und so
lästige Nebenwirkungen vermieden werden. Wie beim Lithium wird der
Blutspiegel anfänglich wöchentlich gemessen und im
selben Bereich wie bei der Epilepsiebehandlung gehalten ( 8-12 µg/ml).
Die Vorbeugung (Prophylaxe) geschieht nach denselben
Kriterien wie bei Lithium in Kombination oder als Alternative. Bevorzugt werden
Retardpräparate, die den Wirkstoff verzögert, d.h.
gleichmäßig ins Blut abgeben und so Schwankungen des Blutspiegels
vermeiden.
Abruptes Absetzen ist insbesondere wegen dann
drohender epileptischer Anfälle unbedingt zu vermeiden.
Hautausschläge vor allem mit Jucken und
Rötung sind relativ häufig Zeichen einer Allergie. Sie können
vorübergehend sein, aber auch über Quaddeln und Blasen in seltenen
Fällen bedrohliches Ausmaß erreichen. Im Zweifelsfall muss abgesetzt
werden.
Blutbildveränderungen mit Absinken der weißen
oder roten Blutkörperchen und auch der Blutplättchen (Thrombozyten)
sind leider möglich und bedürfen häufiger Laborkontrollen.
Lebensbedrohliche Krisen könnten sonst entstehen.
Leberwerte (-enzyme) können ansteigen, zwingen evtl.
zum Absetzen.
Magen-Darmbeschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder
Appetitstörungen sind meist bei Therapiebeginn vorübergehend und
harmlos, können aber auch Zeichen einer beginnenden Überdosierung
sein.
Medikamentenkombinationen und Wechselwirkungen
sollten im Einzelfall unbedingt mit dem Facharzt besprochen werden. Sie
können gegenseitig den Blutspiegel beeinflussen. Carbamazepin kann durch
Förderung von Leberenzymen, die Medikamente abbauen (CYPP 450
Enzym-Familie), den Spiegel verschiedener Medikamente senken: Der
Spiegel von Valproat oder der von Blutgerinnungshemmern (Marcumar®),
von Neuroleptika aber auch Empfängnisverhütender Medikamente, ja
sogar Spiegel von Carbamazepin selbst kann dadurch abfallen. Eine
Blutspiegelkontrolle und ggf Dosisanpassung sind nötig. Carbamazepin kann
selbst durch andere Medikamente im Blutspiegel erhöht werden. Die
Kombination mit Leponex® (Clozapin) ist wegen einer verstärkten
Wirkung mit Senkung der weißen Blutkörperchen kontraindiziert.
Missbildungsrisiko
Eine Schwangerschaft während Einnahme von Carbamazepin
ist zu vermeiden, da Missbildungen und Entwicklungsverzögerungen beim Kind
erhöht sind. Da Carbamazepin die Wirksamkeit bestimmter Antibabypillen
schwächt (siehe unter Wechselwirkung), ist vor Therapiebeginn eine
eingehende Beratung mit dem Frauenarzt notwendig.
Überdosierung
Müdigkeit und Schwäche sind ebenfalls meist
dosisabhängig und durch "Gewöhnung" vorübergehend.
Schwindel, Gangunsicherheit, Zittern und auch Doppelbilder sind ebenso wie die
Magenbeschwerden am Anfang vorhanden oder Zeichen einer Überdosierung.
Gefahr droht erst bei sehr hohen Dosen. Herz und Nervensystem können dann
geschädigt werden. Carbamazepin hat aber einen wesentlich
größeren Sicherheitsbereich als Lithium.
Es wird wie Carbamazepin schon lange in der Therapie von Epilepsien
eingesetzt. Es beeinflusst die Erregungsgfähigkeit von Zellnetzwerken und
hat womöglich auch einen fördernden Einfluss auf die Stabilität
von Nervenzellen und ihre Fähigkeit, mit anderen Zellen in Kontakt zu
treten. Es ist wirksam gegen Manien, vor allem, wenn psychotische Symptome
vorhanden sind oder depressive Symptome in der Manie gleichzeitig auftreten,
sogenannte gemischte Episoden. Bei schweren erregten manischen Zuständen
kann es unabhängig von der Diagnose akut mit Erfolg eingesetzt werden, ggf
auch intravenös. Es ist auch wirksam bei der Vorbeugung Bipolarer
Störungen. Weniger gesichert ist der Effekt auf akute depressive Symptome.
Es kann im Akutfall schnell relativ hoch dosiert werden mit
z.B. über 2000 mg ohne unangenehme Nebenwirkungen für den Patienten.
Der Blut-Spiegel sollte orientierend in einem Bereich von 50 100
µg/ml liegen, vorrangig sind aber die klinische Wirksamkeit und die
Nebenwirkungen. Die Wirkung sollte in einigen Tagen eintreten abhängig von
der Schnelligkeit der Dosisanpassung. Als Stimmungsstabilisierer muss Valproat
wie alle vergleichbaren Substanzen zur Vorbeugung über Jahre eingesetzt
werden, um den günstigen Effekt beurteilen zu können.
Vom Patienten empfunden
Zittern, Magen-Darm Symptome wie Übelkeit und
Völlegefühl, mässige Gewichtszunahme. Magen-Darmsymptome
müssen dem Arzt berichtet werden, da sie sehr selten Vorboten von
Leberschädigung sein können.
Blutbildveränderung
Verminderungen der Weißen Blutkörperchen
(Leukozyten) und der Blutplättchen (Thrombozyten) können vorkommen
und können eine Dosisreduktion oder Absetzen erfordern.
Haarausfall ist eine seltene Nebenwirkung.
Schwere Leberschädigung ist ebenso wie
Bauspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) eine sehr seltene
Nebenwirkung. Unklare Bauchbeschwerden oder Leberwertanstieg sollten Anlass
genauer Untersuchung sein.
Zysten der Ovarien und Störungen des
Menstruationszyklus sind ebenfalls sehr selten.
Missbildungen
Sie sind bei Valproatbehandlung in der Schwangerschaft
höher als bei unbehandelten Frauen, die Gabe während der ersten
Schwangerschaftsmonate sollte vermieden werden.
Wechselwirkungen
Valproat kann durch Hemmung von Leberenzymen, die
Medikamente abbauen (CYPP 450 Enzym-Familie), z.B. Lamotriginspiegel ansteigen
lassen. Es kann aber selbst durch Kombination mit Carbamazepin in der Dosis
gesenkt werden.
Das Antiepileptikum Lamotrigin hat die besten
Studienergebnisse zur Verhinderung von depressiven Rückfällen bei der
Bipolar II Störung, also Patienten, die schwere Depressionen haben, jedoch
nur leichte Manien (Hypomanien). Es ist als Elmendos® dafür
zugelassen.
Es wirkt unter anderem hemmend auf den Transmitter Glutamat, der der
häufigste und wichtigste erregende Transmitter im Gehirn ist. Da bei
schnellem Dosisanstieg es zu gefährlichen allergischen Hautreaktionen
kommen kann, muss es langsam über 4-6 Wochen aufdosiert werden. Dadurch
ist es in der Akutbehandlung nicht von Bedeutung. In der Kombination mit
Valproat muss besonders langsam aufdosiert werden, da durch eine Wechselwirkung
beim Abbau der Medikamente der Spiegel von Lamotrigin zu schnell ansteigt.
Im allgemeinen gut verträglich, gelegentlich
vorübergehend Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Bei Auftreten von
Hautauschlägen unbedingt den Arzt konsultieren, da schwere allergische
Reaktionen bis zu lebensbedrohlichen Bildern in sehr seltenen Fällen
möglich sind.
Wechselwirkungen
Valproat kann durch Hemmung von Leberenzymen, die
Medikamente abbauen (CYPP 450 Enzym-Familie), z.B. Lamotriginspiegel ansteigen
lassen. Durch die Kombination mit Carbamazepin kann der Blutspiegel von
Lamotrigin gesenkt werden. Als therapeutische Bereiche werden 3 bis 12
µg/ml angegeben, wenn möglich sollte der Spiegel über 5 µg
liegen.
Missbildungen
Noch gibt es zu wenig Daten, um das Missbildungsrisiko von
Lamotrigin ausreichend zu beurteilen. Es sollte nur nach eingehender Beratung
angewandt werden und dann die Zusatz-Gabe des Vitamins Folsäure erfolgen.
Eine stimmungsstabilisierende Wirkung dieser beiden Stoffe ist nicht
ausreichend nachgewiesen worden.
Topiramat, Topamax®, falls im Einzelfall wirksam, hat den
Vorteil einer Gewichtsabnahme, bei allerdings oft auftretenden Nebenwirkungen
auf die Gehirnfunktion wie Benommenheit, Schwindel, Konzentrationsstörung
bis hin zur Verwirrtheit.
Gabapentin, als Neurontin®, wird in der Behandlung
bestimmter Schmerzsyndrome angewandt wie diabetischer Neuropatie und
Zosterneuralgie. Da hierbei auch depressive Störungen auftreten
können, gehört es im weitesten Sinne zum Repertoire der
Antidepressiven Strategien.
Olanzapin (Zyprexa®) hat als erstes atypisches Neuroleptikum die
Zulassung als Stimmungsstabilisierer erhalten, das heisst, es kann Manien und
Depressionen akut behandeln bzw verhindern. Andere Atypika wie Risperidon
(Risperdal®) haben die Zulassung als Antimanikum und Studien zur
antidepressiven Wirkung in Kombination mit Antidepressiva sind unterwegs.
Diesen Weg gehen auch Ziprasidon (Zeldox®) und Quetiapin
(Seroquel®). Weitere werden nach Erscheinung dieses Wegweisers
folgen.
Tatsächlich werden während der Akutherapie die meisten der
mansichen Patienten und viele depressive schon in einer Kombination von Atypika
mit Stimmungsstabilisierern oder Antidepressiva behandelt. Weiteres siehe unter
Neuroleptika.
Mittel zur Behandlung von Angst entstammen verschiedenen Substanzgruppen und
überschneiden sich mit den oben genannten Antidepressiva und Neuroleptika.
Benzodiazepine wirken zusammen mit mehreren anderen
Stoffgruppen auf das hemmende Botenstoffsystem GABA. Ihre Effekte sind:
Angstlösung, Beruhigung, Schlafanstoß, Muskelentspannung,
Verhinderung epileptischer Anfälle. Ihre teilweise Austauschbarkeit mit
Alkohol und den sogenannten Barbituraten erhöht ihre Suchtgefahr.
Bekannte Benzodiazepinpräparate sind Diazepam
(Valium®), Lorazepam (Tavor®), Bromazepam
(Lexotanil®), Oxazepam (Adumbran®), Dikaliumclorazepat
(Tranxiulium®), Flunitrazepam (Rohypnol®), Lormetazepam
(Noctamid®) und Temazepam (Remestan® ).
Dauertherapie über 3 Monate hinaus ist wegen der zu
befürchtenden Abhängigkeit nur in speziellen Fällen angezeigt.
Vorübergehend können Benzodiazepine jedoch in der Psychiatrie
sehr nützlich sein bei schwerer Angst, Unruhe insbesondere mit
Selbstmordgefahr sowie bei der katatonen Form der Schizophrenie.
Die verschiedenen Präparate unterscheiden sich vor
allem in der sogenannten Halbwertszeit, d.h. der Zeit, in der die
Hälfte des Stoffes vom Körper unwirksam gemacht oder ausgeschieden
wurde.
Beispiele sind:
Valium und Abbauprodukte: bis 200 (!) Stunden
Alprazolam, Lorazepam (Tafil® , Tavor®): 8 -
24 Stunden
Temazepam (Remestan® ): 5-14 Stunden
Mittel mit langer Halbwertszeit können im
Körper kumulieren, d.h. der Blutspiegel steigt, weil schneller
zugeführt als abgebaut wird. Dies kann unter besonderen
Umständen bis zur Vergiftung führen. Beim Absetzen dauert es oft
Wochen, bis der Körper "entgiftet" ist. Entzugserscheinungen
können lange nachhinken.
Mittel mit kürzerer Halbwertszeit werden als
Schlafmittel eingesetzt, da am Morgen der grösste Teil wieder aus
dem Körper ausgeschieden ist.
Bei therapeutischer Dosis stehen
Konzentrationsschwäche und Müdigkeit im Vordergrund. Dabei kann die
Reaktionsfähigkeit verlangsamt sein. Fahrtauglichkeit ist nach den
Richtlinien der FeV (Fahrerlaubnisverordnung 1999 und die dazugehörigen
Begutachtungsleitlinien) nur dann gegeben, wenn unter ärztlicher Aufsicht
sichergestellt ist, dass die körperlich-psychische Leistungsfähigkeit
nicht wesentlich beeinträchtigt ist.. Auch plötzliche
Erinnerungslücken sind möglich.
Bei hoher Dosis kommen Muskelschwäche,
Doppelbilder, verwaschene Sprache, Schwindel und Gangunsicherheit ähnlich
wie bei einem Alkoholrausch hinzu. Bei Vergiftung mit Höchstdosen sind
Atemlähmung und Blutdruckabfall möglich.
Hohe Dauerdosen bei Mißbrauch führen zu
einer Wesensänderung mit Reizbarkeit und Vergeßlichkeit.
Auch unerwartete "paradoxe" Wirkungen mit
Erregung und Schlaflosigkeit werden gelegentlich beobachtet.
Besonders gefährlich ist die Kombination mit
Alkohol und anderen beruhigenden (sedierenden) Psychopharmaka.
Kurzbehandlung
Bei einer Behandlung mit therapeutischen Dosen über
z.B. 3-4 Wochen muss keine Entzugssymptomatik befürchtet werden.
Niedrigdosis-Abhängigkeit
Bei Behandlung in normalen Dosen über Monate und
Jahre können, oft wochenlang nach Absetzen, noch Entzugssymptome
auftreten. Teilweise handelt es sich dabei um die verstärkte Rückkehr
der ursprünglich behandelten Angst oder Schlaflosigkeit
("Rebound-Phänomen"). Hinzu kommen jedoch Unruhe, Reizbarkeit,
Schwitzen, Zittern und Herzklopfen als eigentliche Entzugssymptome. In diesen
Fällen muss nach Beratung mit dem Arzt besonders langsam über Wochen
und Monate abgesetzt werden.
Hochdosis-Abhängigkeit
Bei Patienten, die in süchtigem Verlangen
die Dosis durch langsame Steigerung bis zu normalerweise giftigen Bereichen
erhöht haben, ist bei abruptem Absetzen mit schweren Komplikationen zu
rechnen. Am Anfang stehen Überempfindlichkeit gegen Licht und
Geräusche, Muskelzittern und abnorme Berührungsempfindungen. Im
weiteren kommt es zu optischen und akustischen Halluzinationen.
Lebensbedrohlich können Verwirrtheitszustände (Delire),
wahnhafte Psychosen und epileptische Anfälle werden.
Diese Medikament greift in den Stoffwechsel des Serotonin-Botenstoffes ein
an einem bestimmten Rezeptortyp (5-HT 1A), der besonders wichtig für die
Entwicklung der Depression und Angst ist. Nachfolgepräparate (Gepiron)
sind wegen des interessanten Ansatzes in der Forschung. Wirkt nicht sedierend,
macht nicht abhängig. Vor allem in der Niedergelassenenpraxis bei
generalisierter Angst häufiger angewandt.
Eigentlich mit Neuroleptika verwandt, wirkt sedierend und angstlösend,
oft in der Niedergelassenenpraxis verwandt. Nebenwirkung wie mittelpotente
Neuroleptika. In der Klinik wenig gebräuchlich.
Die Gruppe dieser Medikamente entstammt nicht nur verschiedenen chemischen
Gruppen, sondern rekrutiert sich auch aus mehreren oben zitierten Typen wie
Neuroleptika und Antidepressiva (siehe dort). Bevor Schlafmittel eingesetzt
werden, sollte insbesondere bei scheinbar isolierten Schlafstörungen eine
genaue Diagnostik erfolgen, um die Ursachen zu ermitteln. Diese können
reichen von Alltagsproblemen bis hin zu organischen Krankheiten wie der
Schlafapnoe. Verhaltenstherapeutische bzw schlafhygienische Maßnahmen wie
Vermeidung von Alkohol und Einschränkung von Coffeingenuß
müssen zuerst mit dem Arzt besprochen und eingesetzt werden. GGf solllte
ein Schlaftagebucherstellt werden (Download unter
www.dgsm.de).
Die grösste Gruppe bilden nach wie vor die Benzodiazepine, die oben
besprochen wurden. Es werden eher Substanzen mit kürzerer Halbwertszeit
eingesetzt, die Abbauprodukte sind jedoch oft auch wirksam und noch lange im
Blut vorhanden. Insbesondere im Hinblick auf die Fahrtauglichkeit ist an einen
Überhang des Blutspiegels in den Morgenstunden zu denken, der die geistige
Leistungsfähigkeit noch beeinträchtigen kann. Beispiele sind
Flunitrazepam (Rohypnol®) , Lormetazepam (Noctamid ®). Bezüglich
Abhängigkeit und Nebenwirkungen siehe unter Anxiolytika. Diese Mittel
verändern die Architektur der Schlafphasen, es kann zur Gewöhnung
kommen und bei Absetzen zu verstärkter Schlaflosigkeit
(Re-Bound-Phänomen).
Diese Mittel wirken auch wie die Benzodiazepine am GABA-Rezeptor, dem
wichtigsten hemmenden Rezeptor-Typ im Gehirn. Sie haben aber nicht das volle
Wirkungsspektrum der Bezodiazepine und haben laut eines Berichts des
Frühwarnsystems von 2004 ein Drittel des Risikos der Benzodiazepine, einen
Missbrauch zu erzeugen. In der Akutpsychiatrie haben sie deshalb und wegen des
besseren Nebenwirkungsprofils die Benzodiazepine teilweise verdrängt.
Grundsätzlich sollte die Gabe eines jeden Psychopharmakons mit einem
Arzt abgesprochen werden, da Wirksamkeit, Verstoffwechselung, Nebenwirkungen
und Wechselwirkungen unangenehme Überraschungen bereiten können.
Beispiele sind Diphenhydramin und Doxylamin aus der Gruppe der
Antihistaminika (Abkömmlinge der Mittel gegen Allergien und
Reisekrankheit) sowie Baldrian und das Hormon Melatonin (in USA
erhältlich, siehe unter Nahrungsergänzungsmittel).
Im Folgenden werden Medikamente besprochen, die zur
Anwendung kommen bei der Behandlung von Abhängigkeiten von Alkohol,
Benzodiazepinen und Opiaten im Sinne von Entgiftung, d.h. Milderung von
Entzugssymptomen oder Substitution, d.h. vorübergehender Ersatz des
Suchtstoffes zur Entwöhnung bzw. Rückfallprophylaxe.
Clomethiazol wird zur Vorbeugung und Behandlung schwerer
Alkoholentzugserscheinungen wie Delir (Verwirrtheit) und Krampfanfall gegeben.
Es hat also beruhigende, schlafanstoßende und antiepileptische
Eigenschaften.
Seit seiner Einführung konnte die Häufigkeit
tödlich endender Alkoholentzugsdelire entscheidend gesenkt werden.
Es kann als Tablette, Dragée, Saft verabreicht werden, wirkt sofort und
ist gut steuerbar.
Entscheidende Nachteile sind Atemdämpfung sowie
eigene stark suchterzeugende Eigenschaften. Deshalb darf Distraneurin nur im
Krankenhaus unter Überwachung gegeben werden und bei höherer
Dosierung nur mit Intensivüberwachung ggfs. auf Spezialstationen .
Als Alternative zu Distraneurin ® werden
Benzodiazepine gegeben (siehe oben unter Schlafmittel). Bei der reinen
Benzodiazepinabhängigkeit werden sie von der ursprünglich
eingenommenen Dosis langsam ausgeschlichen, um gefährliche Nebenwirkungen
wie Krampfanfälle und Psychosen zu vermeiden.
Zum Schutz vor epileptischen Krampfanfällen werden auch
Antiepileptika wie Carbamazepin eingesetzt (siehe oben unter
Stimmungsstabilisatoren), bei psychotischen Bildern Neuroleptika (siehe oben).
Das Blutdruckmittel Clonidin (Catapresan®)
wird bei hohem Blutdruck und hohem Puls zur symptomatischen Behandlung benutzt.
Das Antidepressivum Doxepin (Aponal®) ist
nur bei leichten Entzugssymptomen in Form von Unruhe, Angst und Schmerzen
wirksam und sollte nur in niedriger Dosierung verabreicht werden .
Er wurde gesucht nach Stoffen, die im Belohnungs- und
Motivationssystemen des Gehirns wirken, wo auch ein Teil der subjektiven
Entzugserscheinungen auftreten und das sogenannte Craving (=Suchtdruck), das
unstillbare Verlangen nach Wiedereinnahme des Suchtstoffes. Diese Stoffe wirken
natürlich nur zusammen mit einer psychologischen Betreuung des
Suchtkranken.
Es wirkt hemmend an dem System des erregenden Botenstoffes Glutamat und soll
über eine Verminderung des Cravings die Rückfallprophylaxe
verbessern. Es muss nach der Entgiftung über mindestens ein Jahr
eingenommen werden.
Es wirkt verdrängend/antagonistisch gegenüber körpereigenen
oder von aussen zugeführten Stoffen am Rezeptor für Opiate. Es soll
am Ende des Opiatentzugs bei Abstinenzabsicht gegeben werden um die
Rückfallprophylaxe zu verbessern. In Deutschland ist es vorerst nur zur
Opiatentwöhnung zugelassen, in den USA auch zur Alkoholentwöhnung.
Während zeitgleicher oder zeitnaher Einnahme von Opiaten und Naltrexon
kann es zu schweren Entzugsymptomen kommen, Einnahme deshalb nur unter
ärztlicher Kontrolle.
Nach längerer Zeit, in der Antabus®in Vergessenheit geraten war, wird es
aktuell wieder in Projekten zur Behandlung Alkoholabhängiger verwendet. Es
hemmt das Enzym Aldehyd-Dehydrogenase und führt deshalb bei gleichzeitiger
Alkoholeinahme zur Häufung des Alkoholabbauprodukts Azetaldehyd. Dies
löst die bis zu zwei Wochen nach der letzten Einnahme von Antabus bei
Alkoholkonsum auftretende sogenannte Disulfiram-Alkohol.Reaktion aus mit
Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerz, Gesichtsrötung, Atemnot und
Herzrasen. Sie dauert etwa 1-3 Std und kann auch lebensbedrohliche
Ausmaße erreichen. Deshalb darf diese Therapie nur bei gleichzeitiger
engen ärztlicher Betreuung durchgeführt werden, kann dann aber zu
überraschend günstigen Ergebnissen in der Rückfallprophylaxe
führen.
Diese Stoffe sind Agonisten an Opiatrezeptoren. Sie wirken ähnlich wie
der Opiat-Suchstoff, haben aber eine längere Halbwertszeit. Sie
müssen deshalb nur einmal am Tag eingenommen werden. Sie sind unter der
strengen Vorschrift des Betäubungsmittelgesetzes im Gegensatz zu Heroin
verordnungsfähig und können seit 2001 von speziell qualifizierten
Ärzten zur Substitutionsbehandlung Opiatabhängiger verschrieben
werden.
Sie sind geeignet zur Linderung der Entzugsymptome bei der Entgiftung aber
auch zur längeren Einnahme als Ersatz der Droge (=Substitution). Der
Abhängige kann hiermit vom kriminellen Drogen-Milieu ferngehalten werden,
das Infektionrisiko z.B., für Hepatitis und HIV wird vermindert, eine
soziale Integration ist möglich.
Ein Problem stellt der zusätzliche heimliche sogenannte
"Beigebrauch" der Suchtpatienten von Benzodiazepinen und anderen
Mittel dar, der wegen unkalkulierbarer Risiken eine Substitutionstherapie zum
Scheitern bringen kann.
Siehe obern unter Alkoholentwöhnung.
Symptome des akuten Opiatentzugs wie Übelkeit, Unruhe,
Blutdruckerhöhung, Schmerzen und Bauchkrämpfe können
symptomatisch behandelt werden mit Internistischen Mitteln wie Motilium®,
Vomex®, Catapresan® oder Buscopan®.
Auch Magnesium gegen Muskelkrämpfe und Akupunktur sowie physikalische
Maßnahmen wie Bäder werden angewandt zur Linderung der Symptomatik
bei Entzugssyndromen.
Zu den am besten dokumentierten Befunden bei der Alzheimer-Demenz
gehört die Fehlfunktion des cholinergen Systems, die für die
Entwicklung von Gedächtnis- und Lernstörungen,
Konzentrationsproblemen und Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus
verantwortlich gemacht wird. Die Verminderung des Enzyms
Cholinacetyltransferase, das für die Herstellung des Acetylcholin
verantwortlich ist, steht in deutlichem Zusammenhang mit dem Schweregrad der
Demenz.
Von allen Therapieformen zur Verbesserung der Funktion dieses sogenannten
"Cholinergen Nervensystems" hat sich allein die Blockade der
Acetylcholin abbauenden Enzyme bewährt. Die Einführung dieser
Acetylcholinesteraseinhibitoren (AChEI) vor einigen Jahren markierte einen
wesentlichen Fortschritt in der Demenzbehandlung.
Allerdings gilt für alle nachfolgenden AChEI, dass ihr Einsatz nur bei
leicht- mittelgradigen Demenzerkrankungen erfolgversprechend erscheint. Die
Verordnung bei fortgeschritteneren, schweren Demenzstadien, häufig
aufgrund Drängens von Seiten der Angehörigen, führt meist zu
erheblichen Unruhezuständen und Schlafstörungen. Nicht selten
führen diese Symptome sogar zur stationären Aufnahme in
gerontopsychiatrischen Versorgungskrankenhäusern. Unseren Beobachtungen
zufolge kann ein Demenzpatient ca. 2 bis vielleicht maximal 3 Jahre von der
Einnahme der AChEI profitieren. Da das Fortschreiten der Erkrankung durch die
AChEI leider nicht wesentlich beeinflußt wird, ist nach dieser Zeitdauer
in der Regel kein Nutzen dieser Präparate mehr zu verzeichnen.
Tacrin (Cognex®), der erste am Markt verfügbare AChEI, wird
heute nicht mehr verordnet, da besser verträgliche Mittel zur
Verfügung stehen.
Donepezil (Aricept®) ist wohl der zur Zeit meistverordnete AChEI.
Dies liegt zum einen daran, daß die Halbwertszeit (Zeit des Abbaus auf
die Hälfte des Blutspiegels) bei 70 Stunden liegt und damit die
tägliche Einmalgabe ermöglicht wird. Zum anderen ist das
Nebenwirkungsspektrum vergleichsweise günstig: Übelkeit, Erbrechen,
Durchfall treten vor allem unter 10mg Tagesdosis auf und sind meist
vorübergehender Natur.
Dosierung: Einstieg mit 5mg Tagesdosis, Steigerung nach 1 Monat auf 10 mg,
wenn Verträglichkeit gegeben und Nutzen sichtbar.
Eine jüngst veröffentliche Studie AD2000 in der berühmten
Zeitschrift Lancet (2004; 363), die Donepezil pauschal jeglichen Nutzen in der
Demenzbehandlung absprach, führte zu großer Verunsicherung vor allem
unter Hausärzten. Kritisch muss dazu angemerkt werden, dass diese Studie
methodische Fehler aufweist und keinesfalls diese pauschale
Schlußfolgerung zuläßt.
Rivastigmin (Exelon ®) ist ein gut dokumentierter AChEI, dessen
Enzymhemmung etwa 10 Stunden beträgt, somit 2mal tägliche Gaben
erforderlich sind. Um die eindrucksmäßig etwas stärker
ausgeprägten typischen Magen-Darm-Nebenwirkungen wie Übelkeit,
Erbrechen, Gewichtsabnahme und Verdauungsstörungen ausreichend zu
vermindern, kann die Zieltagesdosis von 12 mg erst nach entsprechend langen
Intervallen erreicht werden. Empfohlen wird der Beginn mit 3 mg und eine
Steigerung um 3mg nach jeweils 14 Tagen.
Galantamin (Reminyl ®) ist ein Alkaloid das ursprünglich aus
der Zwiebel von Schneeglöckchen gewonnen wurde und heute synthetisch
hergestellt wird. Im Vergleich zu Donepezil ist Galantamin ein schwächerer
AChEI. Andererseits ist, was auch unserer Erfahrung entspricht, die
Nebenwirkungsrate recht gering. Hinzu kommt, daß durch die angebotene
flüssige Darreichungsform eine sehr individuell dosierte Einstellung und
Dosissteigerung möglich ist. Die Halbwertszeit beträgt 4-6 Stunden.
daher sind 2 Tagesdosen erforderlich. Beginn der Behandlung mit 4 bis 8 mg,
Erhöhung nach 4 Wochen auf 16mg (2 x 8 mg), nach weiteren 4 Wochen auf
maximale Tagesdosis von 24mg (2 x 12 mg).
Mit zunehmendem Alter gibt es mehr sogenannte Freie Radikale - Atome oder
Verbindungen - in den Zellen, die zwar zur Immunabwehr wichtig sind, aber in zu
grosser Konzentration durch Oxidation "innere Verbrennung" -
die Zelle schädigen. Mittel, die eine Anhäufung dieser Subatanzen
verhindern, also den oxidativen Stress vermindern, schützen die Zellen vor
Untergang.
Ginkgo biloba (z. B. Tebonin ®)
Es gibt wenige methodisch einwandfreie placebokontrollierte
Doppelblindstudien, d.h. hochwertige Studien, in denen weder Arzt noch Patient
wissen, wer das Mittel und wer nur Plazebo bekommt. Welche positive Wirkungen
auf Geistige Leistungsfähigkeit, Alltagsfertigkeiten und depressive
Verstimmungen das Mittel nun wirklich hat, ist nicht abschliessend zu
beurteilen. Das Nebenwirkungsprofil ist ungewöhnlich günstig.
Datenlage insbesondere im Hinblick auf Langzeitbehandlungen wird
gegenwärtig ergänzt. In Frühstadien der Demenz Gabe eventuell
sinnvoll.
Selegelin (z. B. Anteparkin ®)
Eigentlich eingesetzt in der Parkinson-Behandlung, erfolgt in niedriger
Dosierung eine Hemmung des Enzyms Monoaminooxidase, Typ B (vgl Kapitel
Antidepressiva). Dadurch erscheinen mehr Botenstoffe wie Dopamin zwischen den
Zellen. In kleinen Studien wird ein günstiger Einfluß auf geistige
Funktionen und Alltagsfähigkeiten beschrieben. Die Frage der Wirksamkeit
kann nicht abschließend beurteilt werden. Eigene Erfahrungen in der
Behandlung von Demenzen mit dieser Substanz bestehen nicht.
Vitamin E
Vitamin E kann Nervenzellen gegen toxische Wirkungen schützen. Die
Wirkung auf Verlauf und Symptomatik einer Alzheimer-Demenz ist noch nicht
ausreichend geklärt.
Memantine (Ebixa ®) , Axura ®)
Glutamat ist der wichtigste erregende Biotenstoff im Gehirn, bei
Überfunktion führt er zur Zellschädigung. Schutz vor diesem
Überschuss bieten einige Substanzen, die die Aktivität von Glutamat
bremsen. Es gibt einige, zum Teil methodisch unzureichende, Studien, die
positive Effekte bei Kognition, Alltagskompetenzen und Pflegeabhängigkeit
zeigen. Nebenwirkungsprofil besteht vor allem in innerer und motorischer
Unruhe, Schlafstörungen, Kopfdruck und Übelkeit. Wir setzen Memantine
vor allem bei im Vordergrund stehenden Antriebsdefiziten ein. Gaben nur
früh und vormittags sinnvoll, da Schlaflosigkeit und nächtliche
Unruhe nach unseren Beobachtungen häufig.
Substanzen wie Dihydroergotoxin, Nicergolin, Nimodipin, Piracetam und
Pyritinol wurden meist vor 1990 in diversen Studien untersucht. Bei kritischer
Würdigung ist die Wirksamkeit dieser Substanzen bei Alzheimer-Demenz nicht
zu belegen.
Spätestens mit der Untersuchung der Omega 3 Fettsäuren und ihrer
Wirkung auf Herz-Kreislauferkrankungen wurde das Thema populär. So
könnte z.B. der Konsum von mehr Fisch enorme medizinische und damit
ökonomische Wirkungen auf die Volksgesundheit haben. Auf Psychiatrischem
Gebiet ist in einer Studie die Wirkung von Omega 3 Fettsäuren
(ungesättigte Lipide aus Fischöl oder Flachsöl) in Dosen von
12g/Tag gegeben als Lachsöl auf Bipolare Störungen untersucht worden
mit positivem Ergebnis.
Melatonin, ist das Hormon der Zirbeldrüse, hat Auswirkungen auf
die Regulierung des Tag-Nacht-Rhythmus, ist in den USA frei verkäuflich
und wird als Schlafmittel bei Jet-Lag und Schichtarbeitern teilweise mit Erfolg
eingesetzt.
NAHD (reduziertes Nikotinamid Adenin Dinukleotid), ein Vermittler im
Energiehaushalt der Zelle, wird in den USA frei verkauft. Eine nachgesagte
Wirkung bei Alzheimer konnte bisher nicht bestätigt werden, es gibt
positive Studien bei Depression und Fatigue-Syndrom.
S-Adenosyl Methionin (SAMe), entsteht aus Methionin und
Adenosintriphosphat im Körper, ist notwendig zur Synthese der Botenstoffe
Serotoin, Noradrenalin und Dopamin. Es gibt aber keine gesicherte Datenlage
über den Einfluss auf Depressionen.
DHEA, Dehydroepiandosteron, ein chemischer Vorläufer des
männlichen Geschlechtshormons, wird nach einigen positiven Studien zur
Depressionstherapie eingesetzt und ist in den USA frei verkäuflich.
Folsäure ist ein Vitamin, das den Zelltod verhindert. Bei
manchen depressiven Patienten ist es erniedrigt. In einer Studie half es bei
Frauen in Kombination mit einem SSRI.
Die Antidepressive Wirkung des Eiweissgrundstoffes von Serotonin
Tryptophan ist nicht gesichert
Es gibt positive Hinweise in Untersuchungen über den Einfluss von
Chrom (Chromium Picolinat) und Vitamin und Mineralmischungen auf
bipolare Störungen
Inositol ist ein Zucker und wichtiger Botenstoff innerhalb der Zelle
(sogenannter Second Messenger), über den es positive Hinweise z.B. bei
Behandlung von Depressionen gibt.
Durch die Erforschung des
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) bei Kindern
und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen sowie Schlafstörungen wie der
Narkolepsie, sind die Stimulantien in den Mittelpunkt von Interesse aber auch
Kritik geraten. Zuvor waren sie als eine Möglichkeit zur Behandlung
therapieresistenter Depression gebräuchlich. Die Substanzen unterliegen
wegen ihrer zentralnervös stimulierenden und damit möglicherweise
suchtfördernden Wirkung dem Betäubungsmittelgesetz und sind nur auf
besonderen Rezepten verschreibbar.
Es fördert den Dopamingehalt im Synapsenspalt der Nervenzellen, ist
also quasi das Gegenteil eines Neuroleptikums. Es macht wach, steigert den
Antrieb bis hin zu Unruhe und Schlafstörung. Seine eher paradoxe
konzentrationsfördernde und beruhigende Wirkung beim ADHS macht es
dort zu einem wertvollen Medikament. Bei der therapieresistenten
Depression existieren nur einige positive Berichte in der Literatur. Seine
Präparate wie Medikinet ® , Equasym ® oder
Ritalin ® dürfen nur auf BtM-Rezept verschrieben werden in
enger Zusammenarbeit mit dem Facharzt.
Wird als Vigil ® zur Behandlung der Schlafstörungen
Narkolepsie bzw Tagesmüdigkeit eingesetzt. Wirkmechanismus unklar.
BtM-pflichtig, nur in Zusammenarbeit mit dem Facharzt. Bisher nur wenig
Hinweise auf Abhängigkeitspotential. In der Allgemeinpsychiatrie evtl zur
Behandlung von Restsymptomatik bei Depression einsetzbar nach positiven
Berichten in der Literatur.
Im Verlauf psychischer Krankheiten, aber auch als Folge von Nebenwirkungen
der Medikamente könnten sexuelle Funktionsstörungen auftreten, sei es
Störungen des sexuellen Verlangens (Libido) oder der Funktion
(Erektionsstörung, Anorgasmie etc.). Psychopharmaka, insbesondere
Antidepressiva, Neuroleptika und Lithium, können ursächlich solche
Nebenwirkungen auslösen. Besonders schwierig ist die Beurteilung bei
depressiven Störungen, da hierbei sexuelle Störungen ein frühes
und auch lang andauerndes Symptom sind und die Abgrenzung zur Nebenwirkung von
vielen Antidepressiva schwierig ist. Nicht zu vergessen ist, dass auch
internistische Mittel (Blutdruckmittel wie ACE-Hemmer, ß-Blocker und
Magenmittel wie Cimetidin) sexuelle Störungen hervorrufen können.
Leider werden sexuelle Störungen viel zu selten dem Arzt berichtet oder
von diesem abgefragt, sei es aus Scham oder weil die Krankheit das ganze Denken
beherrscht. Aber spätestens vor Abschluss der Therapie muss ein
Resumée gezogen werden, ob denn auch die Medikamente daran schuld sein
könnten, weil sonst für den Patienten die meist prophylaktisch
nötige weitere Einnahme auf lange Zeit nicht zumutbar ist. Zur Diagnostik
gehört im Einzelfall auch ein Hormonstatus, wobei ein Hormonmangel in
bestimmten Fällen auch ursächlich an depressiven Störungen
beteiligt sein kann
Besonders häufig sind sexuelle Nebenwirkungen bei Antidepressiva,
insbesondere auch bei den modernen selektiven Wiederaufnahmehemmern. Eine
Dosisreduktion oder Wechsel zwischen Substanzgruppen sollte versucht werden,
zumal bei Mitteln wie Mirtazapin (Remergil®), Moclobemid (Aurorix
®) oder Bupropion (Zyban ®) diese Nebenwirkungen seltener
sind. Auch ein Abwarten über eine bestimmte Zeit kann durch weitere
Besserung der Depression oder eine Art Gewöhnungseffekt zu einer Besserung
führen.
Der Ersatz von Geschlechtshormonen ist nur in Fällen von
Hormonmangelzuständen zu erwägen und mit dem Gynäkologen oder
Urologen abzusprechen.
Die sogenannten Phosphodiesterasehemmer verbessern die
Erektionsfähigkeit beim Mann, es gibt auch Studien, die eine Verbesserung
der sexuellen Aktivität bei der Frau zeigen. Wichtig zu wissen ist, dass
mit bestimmten Herz-Kreislaufmitteln eine gefährliche Wechselwirkung
stattfindet. Leider bezahlt die Krankenkasse diese teuren Medikamente auch dann
in der Regel nicht, wenn die sexuelle Störung auf eine
Medikamentennebenwirkung zurückzuführen ist.
Apomorphin (Ixense®)
Apomorphin wirkt wie Dopamin, ist also quasi das Gegenteil eines
Neuroleptikums. Es fördert die Zentren im Gehirn, die zur Wahrnehmung von
Lustempfindung und Motivation beitragen und indirekt die Erektion.
Nebenwirkungen können unter anderem Übelkeit und
Herzkreislaufprobleme sein. Ixense® ist nicht so wirksam wie
Viagra ® und vergleichbare Mittel. Leider bezahlt die Krankenkasse
diese teuren Medikamente auch dann in der Regel nicht, wenn die sexuelle
Störung auf eine Medikamentennebenwirkung zurückzuführen ist.
Die FeV von in der Beschlussfassung vom 19.6.1998 regelt, welche
Bedeutung Krankheiten und Medikamente auf die Fahrtauglichkeit haben. Hierbei
ist auch der Typ des Führerscheins von Klasse A bis L mit Unterteilungen
entscheidend, insbesondere die Frage der Personenbeförderung. Genaueres
ist in der Begutachtungs-Leitlinie zur Kraftfahrzeugeignung der Beichte der
Bundesanstalt für Straßenwesen Mensch und Sicherheit Heft M 115
hinterlegt.
Im Vergleich zu ihren Vorgängern sind beide Dokumente wesentlich
liberaler. Psychische Erkrankungen führen nur im Akutstadium
zwingend zu einer Infragestellung der Fahrtauglichkeit. Bei stabilem Verlauf
kann in der Regel die Fahrtauglichkeit wieder angenommen werden, zumindest
außerhalb gewerblicher Führung von Kraftfahrzeugen. Hierbei sind die
Medikamente eher eine Voraussetzung zur positiven Beurteilung, da sie
eine gute Vorbeugung garantieren. Allerdings dürfen sie nicht die
Konzentration und Reaktionszeit deutlich beeinträchtigen. Dies gilt vor
allem für den Zeitraum der Neueinstellung und für bestimmte
sedierende Mittel wie die Benzodiazepine. Im Zweifelsfall muss eine
verkehrspsychologische Untersuchung erfolgen.
Die Beratung durch den Arzt muss individuell und zu verschiedenen
Zeitpunkten der Therapie neu erfolgen. Der Arzt lässt sich diese Beratung
in der Regel bestätigen. In Fällen schwerer Krankheit ist er auch
verpflichtet, auf die Einhaltung seiner Beratung zu achten, da sonst nach einem
Unfall dem Patienten oder auch ihm Regressforderungen drohen.
Grundsätzlich gilt während des stationären
Aufenthaltes Fahrverbot bis zu einer anderweitigen Beurteilung durch den
Arzt.
Wie alle Medikamente könne auch Psychopharmaka, wenn sie während
der Schwangerschaft eingenommen werden, zu Missbildungen des Fötus
führen. Die kritische Zeit sind die ersten drei Monate, während derer
die Entstehung der Organe stattfindet.
Probleme bereitet natürlich die ungeplante Schwangerschaft, die
im zweiten bis dritten Monat entdeckt wird. Wenn eine akute psychiatrische
Erkrankung in diesem Zeitraum behandelt wird, oder vorbeugende Medikamente
weiter eingenommen werden sollen, muss das Risiko der Missbildung gegen
dass der Erkrankung abgewogen werden, wobei auch durch die psychische
Erkrankung erhebliche Risiken für den Fötus entstehen können.
Bei Bipolarer Störung ist in der Nachgeburtsphase das Risiko eines
Rückfalls mindestens 2fach erhöht.
Die Datenlage für ein einzelnes Medikament ist umso besser, je
länger es schon in Gebrauch ist und je mehr Babys nach Kontakt mit ihm
schon geboren wurden. Wichtig ist aktuelle Information, die sich von Tag zu Tag
ändern kann. Eine ausführliche Darstellung hier würde zu schnell
veralten. Einige Einzelheiten finden sie oben bei den Medikamentengruppen.
Probleme bei der Einschätzung bilden auch Kombinationen und begleitende
körperliche Erkrankungen der Mütter. Oft wird man sich in der Eile
auf ein konservatives Vorgehen mit bewährten Medikamenten wie Haloperidol
und Benzodiazepinen einigen, die dem Kind nicht schaden, wenn sie auch für
die Mutter im Augenblick nicht ideal sind. Nach den ersten
Schwangerschafts-Monaten sinkt das Risiko von Missbildungen, wenn auch das Kind
natürlich die Nebenwirkungen z.B. auf das Blutbild genauso wie die Mutter
erfährt.
- Aktuelle Recherche der Literatur durch den Arzt, ggf Hinzuziehung des
Instituts für Reproduktionstoxikologie Dr. med. W. Paulus Fax
0751/8727-98, e-mail paulus@reprotox.de, Kosten für die Beratung 20 .
Empfohlene Literatur ist von Stephanie Krüger "Bipolare Störung
und Kinderwunsch, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für
Bipolare Störungen , info@dgbs.de
- Abwägen des Risikos durch Erkrankung und Medikamente für Mutter
und Kind, Entscheidung mit Familienangehörigen, nötigenfalls mit
einem Betreuer.
- Möglichst risikoarme Behandlung oder ggfls Absetzen der Behandlung
während erster drei Monate. Enge Betreuung der Mutter sowie Untersuchung
des Fötus/Embryo durch Ultraschall etc. Ein Einzellfall muss auch eine
Schwangerschaftsunterbrechung diskutiert werden, insbesondere bei aufgetretenen
abnormen Befunden beim Kind.
Die Dosis sollte mit Hilfe der Messung von Blutspiegeln im unteren wirksamen
Bereich gehalten werden. Eine optimale Versorgung der Mutter z.B. mit Vitaminen
muss parallel laufen.
- Ab 4. Monat erneute Beurteilung des Risikos von Nebenwirkungen auf das
Kind, evtl Umstellung auf optimale Therapie. Auch hier Minimierung der Dosis.
- Abwägen des Risikos eines gezielten Absetzen vor der Zeugung oder
Umstellung auf risikoarme Medikation.
- Nach 3 Monaten, nach der Geburt oder nach der Stillzeit je nach Risiko
eines Rückfalls wieder die optimale Therapie installieren. Beachte
Erhöhung des Rückfallrisikos nach der Geburt bei Depressionen und
Bipolarer Störung. Evtl Verzicht auf Stillen.
- Bei Rückfall möglichst schonende
Überbrückungsmedikation bis Ende dritter Monat, dann ggf Installieren
der optimalen Therapie. Immer möglichst niedrige Dosen und Bestimmen von
Plasmaspiegeln. Falls riskante Medikation vor Ablauf der ersten drei Monate
nötig oder sich ein schwerwiegender Befund beim Kind z.B. im Ultraschall
findet, muss im ungünstigsten Fall ein Schwangerschaftsabbruch erwogen
werden.
Stillzeit
Nach der Entbindung ist das Risiko sowohl für das erstmalige Auftreten
als auch für Rückfälle einer psychischen Erkrankung 2 -7fach
erhöht. Wochenbett-Blues (leichtere kürzere Depressionen),
Wochenbettdepressionen und Wochenbettpsychosen können zur Erstbehandlung
zwingen oder eine Rückfallprophylaxe auch während der ganzen
Stillzeit nötig machen. Je nach Menge des Übertritts von der Mutter
in die Milch und Nebenwirkungsprofil muss eine Abwägung stattfinden, ob
unter einer notwendigen Medikation dem Wunsch, zu Stillen entsprochen werden
kann, oder die Medikation deshalb geändert werden kann.
Evtl. Hinzuziehung des Instituts für Reproduktionstoxikologie Dr. med.
W. Paulus Fax 0751/8727-98, e-mail: paulus@reprotox.de, Kosten für die
Beratung 20 . Empfohlene Literatur ist von Stephanie Krüger
"Bipolare Störung und Kinderwunsch, herausgegeben von der Deutschen
Gesellschaft für Bipolare Störungen ,
info@dgbs.de
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